Kleine Pavillons fürs öffentliche Leben: „Mehr Pati’s in unsere Städte!“

In Bhaktapur in Nepal dominieren Gemeinschaftsflächen und soziales Miteinander das öffentliche Stadtbild – diese Erfahrung hat Annika Rüther gemacht und schrieb darüber ihre Bachelorarbeit am Fachbereich Architektur. Für ihre Arbeit erhielt sie den Hochschulpreis und den Sonderpreis "nachhaltig zusammen" unserer Hochschule.

Als Annika Rüther im April 2022 im Rahmen einer Exkursion nach Nepal reiste, nahm die Studentin das Land nicht ausschließlich als Touristin wahr, sondern auch mit den Augen einer Architektin. In Bhaktapur, einer Stadt mit 81.000 Einwohner*innen östlich von Kathmandu, faszinierte sie die dortige Gestaltung des öffentlichen Raums. „In Bhaktapur prägen sogenannte Pati’s das Stadtbild: kleine Pavillons, in denen das öffentliche Leben stattfindet. Dort treffen sich Bürgerinnen und Bürger, um zum Beispiel gemeinsam zu essen oder ins Gespräch zu kommen. Es ist quasi das öffentliche Wohnzimmer der Nachbarschaft.“ Für den sozialen Freiraum hat sich die heutige Absolventin unseres Fachbereichs Architektur – der Münster School of Architecture (MSA) – bereits vor ihrer Reise nach Nepal interessiert. In Bhaktapur merkte sie: Über die Stadt, die Pati’s, die Auseinandersetzung damit sowie eine mögliche Übertragbarkeit auf die westliche Stadtkultur möchte sie ihre Bachelorarbeit schreiben. Für die Arbeit „Mehr Pati’s in unsere Städte – Die Performativität des öffentlichen Freiraumes mit seinen sozialen Phänomenen. Das Beispiel Bhaktapur“ hat sie den Hochschulpreis sowie den Sonderpreis „nachhaltig zusammen“ unserer Hochschule erhalten.

Rüther analysierte Bhaktapur mithilfe der Methodik des Urban Code, die auf die Architektur-Lehrenden Anne Mikoleit und Moritz Pürckhauer zurückgeht. „Ich habe 46 Elemente ausgemacht, die das lebendige Stadtbild Bhaktapurs prägen – die Pati’s sind eines davon“, erklärt die Absolventin. So hat sie zum Beispiel Gebäuderänder als Verweilorte definiert: Auf vielen Gehwegen und Abstufungen vor Gebäuden stehen in der Stadt demnach Hocker und Bänke, auch jenseits von Cafés und Restaurants, auf denen die Bürger*innen das Stadtgeschehen beobachten und in einen Austausch miteinander kommen. „Ein anderes Element ist das ,Hiti‘. Das waren ursprünglich Wasserquellen in der Nachbarschaft, die heute zwar trockengelegt sind, aber immer noch für das Trocknen von Wäsche oder als Lagerraum verwendet werden. Es sind leere Elemente im Stadtraum, die für unterschiedliche Nutzungen angepasst werden.“ Pati und Hiti bilden gemeinsam mit Tempeln und Gemeinschaftsflächen einen großen Nachbarschaftsplatz im Stadtbild Bhaktapurs, den Anwohner*innen gemeinsam nutzen und verwalten.

„Mir ist bewusst, dass man die Gegebenheiten in Nepal nicht eins zu eins auf westliche Stadträume übertragen kann“, so Rüther. „Aber man sollte den öffentlichen Freiraum bei uns mehr überdenken. Die Corona-Pandemie hat ja zum Beispiel gezeigt, dass die Innenstädte in Deutschland quasi nicht mehr nutzbar waren, weil die Läden geschlossen hatten. Dabei kann der öffentliche Raum Identität für die Stadt stiften und durch ihn könnten wir das soziale Zusammenleben besser verstehen und wertschätzen.“ Der Architektin gehe es darum, das Nachdenken über den öffentlichen Raum anzuregen und aufzuzeigen, welche Potenziale darin eigentlich stecken, um die Gemeinschaft und soziale Nachhaltigkeit in Städten zu stärken. „Westliche Stadtstrukturen könnten von Bhaktapur lernen und bereichert werden, wenn wir unseren öffentlichen Gemeinschaftsräumen mehr Aufmerksamkeit schenken.“

Nach Nepal reiste Rüther als Tutorin im Department Städtebau der MSA. Im Seminar „Academy of Scenarios“ entwickelten Masterstudierende der MSA sowie der Fachbereiche Energie – Gebäude – Umwelt und Bauingenieurwesen im vergangenen Jahr Konzepte für die Architektur, Infrastruktur und Nachhaltigkeit der zukünftigen University of Nepal, die sich derzeit mit Unterstützung unserer Hochschule gründet. Prof. Joachim Schultz-Granberg betreute das Seminar seitens der MSA und prüfte zusammen mit Prof. Jan Kampshoff von der TU Berlin Rüthers Arbeit. „Die ungeahnten und überraschende kulturellen Horizonte und räumlichen Praktiken in Nepal waren Motivation und gleichzeitig eine extreme Herausforderung für eine Bachelorthesis. Annika Rüther ist mit ihrer Arbeit weit über dem Durchschnitt gelandet. Wir freuen uns über riesig über das Ergebnis“, so Schultz-Granberg.

Zum Thema: Gerade einmal ein Prozent aller Absolvent*innen eines Jahrgangs erhält ihn: den Hochschulpreis. Jedes Jahr kürt das Präsidium gemeinsam mit der Gesellschaft der Freunde der FH Münster e. V. (gdf) auf Vorschlag der Fachbereiche die besten Abschlussarbeiten. Zu den Preisträger*innen des Hochschulpreises für die besten Arbeiten aus 2022 gehört auch Annika Rüther vom Fachbereich Architektur. Sie erhält den Preis für ihre Bachelorarbeit „Mehr Pati’s in unsere Städte – Die Performativität des öffentlichen Freiraumes mit seinen sozialen Phänomenen. Das Beispiel Bhaktapur“. Eine vollständige Übersicht aller gewürdigten Absolvent*innen ist im Jahresbericht ab Seite 38 abrufbar: fh.ms/jahresbericht-22.

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